Giftpilze - Pilzgifte


 
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12. Phalloides - Syndrom

Spricht man von Pilzvergiftung allgemein, so denkt man unwillkürlich an die schlimmste, weil für die meisten Todesfälle verantwortliche Knollenblätterpilz-Vergiftung, also das Phalloides Syndrom.

Tatsächlich sind 80 bis 90 Prozent aller registrierten tödlich endenden Vergiftungsfälle auf die toxischen Stoffe dieses Pilzes zurückzuführen. Bereits 10 Gramm bei Kindern und 50 g bei Erwachsenen können ausreichen, das grausame Leiden mit dem Tod abzuschließen.

Verantwortlich hierfür sind im Wesentlichen zwei Gifte, das Amanitin und das Phalloidin;  beide wiederum unterteilt man in spezifische Untergruppen, auf die hier nicht eingegangen werden soll.

Verhängnisvoll bei diesem Syndrom sind zum einen der Ablauf in drei Phasen und zum anderen die lange Latenzzeit.

So dauert es meist 8 bis 12 Stunden, bis plötzliche Übelkeit und Brechdurchfall einsetzen, also die gastrointestinale Phase beginnt.

Die kolikartigen Leibschmerzen und wässerigen Durchfälle lassen bald nach und es folgt eine trügerische beschwerdefreie Zeit, die dem Patienten suggeriert, er habe die Vergiftung überstanden. Doch ab dem zweiten oder gar erst vierten Tag nach der Mahlzeit macht sich die Phase der Leberzerstörung, die sozusagen im Hintergrund bereits weit forgeschritten ist, bemerkbar.

Druckempfindlichkeit der vergrößerten Leber, Darmbluten, verringerte bis fehlende Harnausscheidung und Gelbsucht sind die Hauptsymptome, bis schließlich totales Leberversagen qualvoll zum Tode führt.

Vom Gattenmord Agrippinas im Römischen Reich bis zum 30-fachen Tod einer ganzen Schulklasse in Deutschland spannt sich der Bogen der traurigen Geschichten um diese Giftpilze, die nicht nur nach Verwechslungen mit Speisepilzen sondern auch als heimtückische Mordwerkzeuge ihre Wirkung vollbrachten.

Bei rechtzeitiger und richtiger ärztlicher Behandlung sind allerdings heutzutage die todbringenden Folgen oft vermeidbar:

Blutreinigung, Dialyse und vor allem das aus der Mariendistel gewonnene Silybin sind einige Therapiemöglichkeiten, die von Ärzten eingesetzt werden. Da sich der medizinische Kenntnisstand vermutlich fortschreitend ändern wird, möchte ich in diesem Zusamenhang auf den ersten Absatz meiner Schlussbemerkungen unter Ziff. 14 hinweisen.

An erster Stelle der Giftpilzpalette zu diesem Syndrom steht der Grüne Knollenblätterpilz (Amanita phalloides), der nicht immer, wie sein deutscher Name es behauptet, grün sein muß. Es gibt, abhängig von Faktoren wie Alter, Witterung und ökologischen Besonderheiten Farbvarianten von olivgrün über gelblich und grünocker bis hin zu rein weißen Exemplaren, die mit "Frühlings-Knollenblätterpilz" (Amanita verna) sogar einen eigenen Artnamen in derLiteratur zugesprochen bekamen.

Der nur in weißer Farbe erscheinende, feucht schmierige, sonst seidige Kegelhütige Knollenblätterpilz (Amanita virosa) dagegen stellt eine separate Art dar, wenngleich er im Giftgehalt seinem grünen Gattungsgenossen in nichts nachsteht. Der Zitronengelbe Knollenblätterpilz (Amanita citrina), der manchmal dem "Grünen" sehr ähnlich sein kann, beinhaltet zwar auch Giftstoffe, ist aber nicht annähernd so gefährlich und gehört auch nicht in diese Syndrom-Gruppe; er ist durch eine fast gerandete Knolle mit wenigen Velumresten und durch seinen aufdringlichen Geruch nach Kartoffeltrieben oder Kartoffelkeller gekennzeichne

 


Grüner Knollenblätterpilz

Amanita phalloides


Grüner Knollenblätterpilz

Amanita phalloides

 

Der Grüne Knollenblätterpilz, auch dessen weiße Form, riecht -besonders in der Stielbasis- süßlich kunsthonig-ähnlich, hat einen deutlich genatterten Stiel und kommt vor allem, aber nicht ausschließlich, bei Eichen und gelegentlich anderen Laubbäumen vor. 

 

 


Kegelhütiger / Weißer Knollenblätterpilz

Amanita virosa


Kegelhütiger / Weißer Knollenblätterpilz

Amanita virosa

 

Der weiße Kegelhütige Knollenblätterpilz wächst dagegen mit Vorliebe im Fichtenwald, hat einen flockig überzogenen Stiel und riecht ebenfalls schwach süßlich nach Honig, manchmal aber mit einer rettichartigen Komponente.

Den Knollenblätterpilzen gemeinsam sind folgende Merkmale:

 

jung von einer weißen, häutigen Gesamthülle umgeben
(kann deshalb mit Bovisten / Stäublingen verwechselt werden Querschnitt!) :
 
Stielbasis knollig verdickt und in einer häutigen Scheide steckend (Vorsicht: diese Scheidenreste bleiben leicht im Boden zurück!)  
Stiel im oberen Drittel mit einem hängenden Ring, auch Manschette genannt  
Lamellen / Blätter   w e i ß  und auch im Alter weiß bleibend sehr dichtstehend,  bauchig - breit am Stiel  n i c h t  angewachsen, also " f r e i "!  

 


 Verwechslungen mit dem Grünen Knollenblätterpilz kommen meist vor, wenn der Pilzsammler andere, ganz oder in Teilen grün gefärbte Pilze, die er als Speisepilze zu kennen glaubt, mit-nimmt und auf die eigentlichen Merkmale nicht achtet. 

So werden vor allem genannt:

Grüngelbe Ritterlinge / Grünlinge (Tricholoma equestre / T. flavovires / T. auratum)  

bislang begehrte Speisepilze, vor allem in sandigen Kiefernwäldern wachsend
[Lamellen gelblich und ausgebuchtet angewachsen, keine Knolle, keine Scheide um die Stielbasis, kein Ring (Manschette) am Stiel].

Nach neuesten Erkenntnissen (2002) ist dieser Pilz ebenfalls für tödliche Vergiftungen verantwortlich, die zwar völlig andere, noch nicht restlos aufgeklärte Ursachenhaben, aber eindeutig auf den Verzehr dieses lange beliebten Pilzes zurückzuführensind !

Siehe hierzu u.a.: Chr. Hahn in: Mycologia Bavarica Bd. 5 -2002-S. 62 (mit Foto !)
Internet: http://www.dgfm-ev.de/index.php?id=gruenling und weitere.

 


Gelbfleischiger Grünling
Tricholoma equestre

 

Ebenfalls schwerste und äusserst schmerzhaft verlaufende Vergiftungsfälle sind nach demVerzehr des "Parfümierten Trichterlings" (Clitocybe amoenolens) in jüngster Zeit bekanntgeworden, der das Acromelalga-Syndrom auslöst - siehe hierzu Internet: http://dgfm-ev.de/index.php?id=neue_giftpilze

Grüne Täublinge / Frauentäublinge (Russula cyanoxantha u.a.)

(Lamellen weiß, aber um den Stiel nicht frei,  keine Knolle, keine Scheide um die Stielbasis, kein Ring am Stiel, Stiel bricht glatt durch, nicht faserig)

Grüner Anis Trichterling (Clitocybe odora)

(Lamellen cremefarben bis graugrün, keine Knolle, keine Scheide um die Stielbasis, kein Ring am Stiel, Geruch aufdringlich nach Anis)

Grüne Milchlinge (Lactarius blennius / L. fluens u.a.)

(angeritzte Stellen des Fruchtkörpers sondern weißlich Milch ab, keine Knolle, keine Scheide um die Stielbasis, kein Ring am Stiel, Stiel bricht glatt durch, nicht faserig)

Grünspan-Träuschlinge (Stropharia aeruginosa / S. cyanea)

(wachsen oft büschelig an Holz, auch vergrabenem Holz, Hutoberfläche meist schleimig, Lamellen grünlich - violettlich - schwarzbraun, mit häutigem Ring am Stiel, keine Knolle, keine Scheide um die  Stielbasis )

Die weiße Form des Grünen - oder der Kegelhütige Knollenblätterpilz können mit vielen weiß gefärbten Pilzen verwechselt werden, von denen einige, die immer wieder bedenkenlos gesam-melt und auch häufig in der Pilzberatung vorgelegt werden, genannt sein sollen:

Weiße Champignon-Arten  / Egerlings-Arten   (Agaricus spp.)

(Lamellen nur ganz jung weißlich, bald grau, lachsrosa, schokoladenbraun, Stiel mit häutigem Ring, die Stielbasis ist manchmal auch knollig-verdickt, aber   nie mit einer häutigen Scheide umgeben)

Mai-Ritterling / Maipilz  (Calocybe gambosa)

(Lamellen weiß bis creme, am Stiel ausgebuchtet angewachsen, Stielbasis nicht   knollig, nicht von einer häutigen Scheide umgeben, Stiel ohne Ring (Manschette), Geruch deutlich mehlartig) 

Weiße Egerlings-Schirmlinge  [Leucoagaricus leucothites / L. subcretaceus / L. macrorhizus / L. serenus (auch Sericeomyces serenus)]

(Lamellen weiß, dichtstehend, frei, d.h. nicht am Stiel angewachsen, Stiel weiß und   mit häutigem Ring / Manschette, also Merkmale wie beim Knollenblätterpilz ! ,  Stielbasis teils knollig-keulig verdickt, aber ohne eine sie umgebende häutige   Scheide, Vorkommen sehr häufig in Gärten und Parkanlagen)

Weiße Schirmlinge - Weißer (Heims-) Riesenschirmling  - Zitzenschirmling(Lepiota spp.  /  Macrolepiota heimii / M. mastoidea)

(Lamellen weiß, dichtstehend, frei, d.h. nicht am Stiel angewachsen, Stiel weiß und   mit häutigem Ring (Manschette), also Merkmale wie beim Knollenblätterpilz ! ,  Stielbasis teils knollig-keulig verdickt, aber ohne eine sie umgebende häutige   Scheide)

War eingangs die Rede von den Giftstoffen Amanitin und Phalloidin und den damit ausgestatteten Knollenblätterpilzen, so war damit nur ein Teil der das Phalloides Syndrom verursachenden Pilze genannt. Auch die relativ kleinen Vertreter der Gattungen "Häublinge" (Galerina), "Schirmlinge" (Lepiota) und "Glockenschüpplinge" (Conocybe / Pholiotina) können für tödlich verlaufende Vergiftungsfälle verantwortlich gemacht werden. Wer zum Beispiel Stockschwämmchen (Kuehneromyces mutabilis) oder Rauchblättrige Schwefelköpfe (Hypholoma capnoides) sammelt, sollte sich diese schon sehr genau ansehen und sich auch mit den Merkmalen des Gifthäublings (Galerina marginata s.l.) vertraut machen, um sich nicht leichtfertig tödlicher Gefahr auszusetzen; gute Pilzbücher stellen meist diese Arten in Text und Bild gegenüber.

Auch wenn der "Gifthäubling" hier besonders hervorgehoben wird, sollte man wissen, dass diese Gattung noch viele andere, makroskopisch sehr ähnliche Arten beherbergt, die diesem in ihrer Giftwirkung gleichzusetzen sind (siehe unten).

Hier sei nicht auf die gemeinsamen sondern nur auf die makroskopisch brauchbaren Merkmale zur Unterscheidung kurz hingewiesen:

Gift-Häubling (in manchen Büchern unzutreffend als Nadelholz-Häubling bezeichnet) (Galerina marginata / G. unicolor / G. autumnalis / G. bediceps / G. beinrothii u.a. ...)

  • Vorkommen: an Holz (Stämme, Äste, Stümpfe), an Nadelholz u n d durchaus auch an Laubholz anzutreffen  (z.T. am gleichen Holz beide Arten) meist gesellig, in dichten Gruppen - aber selten büschelig aus einem gemeinsamen Strunk entspringend
  • Geruch: meist nach altem Mehl, mehlartig! Der Geruch kann aber auch fehlen!
  • Stiel: unter dem Ring auf dunklem (bräunlichem) Grund heller   längsgestreift - angedrückt flockig (silbergrau bis grau); n i c h t  schuppig
  • Ring: sehr vergänglich, hängend, nicht gerieft, ohne Schüppchen hinterläßt oft nur eine schwache Ringzone.

 

Stockschwämmchen  (Kuehneromyces mutabilis)

  • Vorkommen: an Holz (Stämme, Äste, Stümpfe), überwiegend an Laubholz aber durchaus auch an Nadelholz anzutreffen (z.T. am gleichen Holz beide Arten)  meist büschelig, an der Stielbasis mehrere Fruchtkörper zusammengewachsen und einem gemeinsamen Strunk entspringend
  • Geruch: angenehm "pilzartig",  o h n e  Mehlgeruch
  • Stiel: unter dem Ring schuppig, Schuppen abstehend und oft eingerollt, dunkler als der Stieluntergrund
  • Ring: oberseits gerieft und teils etwas umgerollt, im Alter auch abgefallen

Siehe hierzu: Chr. Hahn in: Tintling Nr. 26 ( 2/2001 ) S. 26 ff. "Galerina marginata" !!!

 

Rauchblättriger Schwefelkopf (Hypholoma capnoides)

  • Vorkommen: an Nadelholz (Stämme, Äste, Stümpfe),  gesellig bis büschelig, Stielbasis mehrere Fruchtkörper zusammengewachsen
  • Geruch: angenehm "pilzartig",  o h n e  Mehlgeruch
  • Stiel: mit weißlicher bis hellgelber Spitze,  abwärts rotbraun
  • Ring:  f e h l t
  • Lamellen: creme, dann hellgrau und alt grauoliv

 

Stockschwämmchen
Kuehneromyces mutabilis

Gift-Häubling
Galerina marginata

links: 3 Fruchtkörper: Gift-Häubling Galerina marginata rechts: Stockschwämmchen Kuehneromyces mutabilis

Rauchblättriger Schwefelkopf
Hypholoma capnoides

links:
Stockschwämmchen
Kuehneromyces
mutabilis

rechts:
Gift-Häubling
Galerina
marginata

 


P I L Z E :

 

Grüner Knollenblätterpilz
Weiße Form bzw.  Frühlingsknollenblätterpilz
Spitzkegeliger Knollenblätterpilz 
Amanita phalloides
Amanita verna
Amanita virosa
Gift-Häubling
Überhäuteter Häubling
Trichterigberingter Häubling
Gewächshaus-Häubling 
*  weitere Häublings-Arten
Galerina marginata
Galerina
 autumnalis
Galerina
 unicolor
Galerina
sulciceps
Galerina
  spp.
Fleischrosa Giftschirmling
Fleischbrauner Giftschirmling
Gewächshaus-Giftschirmling
Runzeliger Glockenschüppling
Lepiota  helveola
Lepiota
 brunneoincarnata
Lepiota
 citrophylla
Conocybe
(Pholiotinafilaris

 

P I L Z   G I F T E :

Amanitin - Phalloidin - Viroidin

L A T E N Z Z E I T :

8 - 12 (24) Stunden 

S Y M P T O M E :

a)  gastrointestinale Phase: (dauert bis 2 Tage)

  • Übelkeit -> Bauchkoliken -> Erbrechen -> wässeriger - / blutiger Durchfall
  • Blutdruckabfall -> Pulsanstieg -> Wadenkrämpfe

b)  trügerische beschwerdefreie Phase (1 bis 2 Tage)

c)  Phase der Leberzerstörung (3. bis 7. Tag)

Druckempfindlichkeit der vergrößerten Leber -> Gelbsuchtverminderte - oder Ausbleiben der Harnausscheidung -> NierenschädigungMagenbluten -> DarmblutungenLeberversagen  /  Leberkoma

 

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