Giftpilze - Pilzgifte


 
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13. Orellanus - Syndrom

Vor wenigen Jahren sorgte der Fall einer Pilzvergiftung in der Augsbuger Presse für Aufsehen, als mit der Überschrift "Pilzvergiftung: Arzt stellte Fehldiagnose" die schwerste Erkrankung eines jungen Mannes und der Tod seiner Mutter nach einer Pilzmahlzeit publiziert wurde.

Sogar die Staatsanwaltschaft hatte sich mit dem Fall zu befassen, sprach dem Arzt aber keinerlei Schuld am Tod der Mutter des Klägers, der als Dialyse-Patient auf eine Spender-Niere wartete, zu.

Die beiden waren sogenannte "Pilzkenner" und verzehrten laut Presse eine Mahlzeit aus selbstgesammelten "Pfifferlingen". Etwa eine Woche nach diesem Pilzessen stellte sich bei ihnen Übelkeit und Durchfall ein, nach weiteren zwei Tagen suchten sie einen praktischen Arzt auf, der eben diese Symptome medikamentös behandelte und nachdem keine Besserung eintrat beide ins Klinikum mit Verdacht auf Salmonellenvergiftung einwies.

Die dort unter anderem gestellte Frage nach einem Pilzgenuß verneinten die Betroffenen zunächst, da sie an die inzwischen zwei Wochen zurückliegende Mahlzeit gar nicht mehr dachten. Eingehende Untersuchungen belegten klar eine Vergiftung durch das die Nieren zerstörende Zellgift "Orellanin", vermutlich durch Verzehr des Orangefuchsigen oder Spitzbuckeligen Rauhkopfes.

Aus diesem geschilderten Fall, passiert in der Gegenwart und sozusagen "vor der Haustüre",  wird uns die heimtückische Gefährlichkeit dieses Syndroms mit ihren fatalen Folgen bewußt gemacht. Es läßt sich nur ahnen, wieviele Todesfälle diese Pilze schon verursacht haben, denn zum einen kann auf Grund der extrem langen Latenzzeit oft kein Zusammenhang mit dem Pilzgenuß hergestellt werden, zum anderen ist dieses Gift erst nach einer Massenvergiftung Mitte der 50er Jahre in Polen entdeckt worden.

Die in Frage kommenden Pilze gehören der Gattung "Haarschleierlinge" (Cortinarius) an, mit etwa 800 bis 1.000 Arten die größte Gruppe der Lamellenpilze. Die Bestimmung vieler darin enthaltener Arten ist selbst für geschulte Mykologen äußerst schwierig, weshalb ich generell vom Verzehr der wenigen eßbaren Pilze aus dieser Gattung abrate.

Haarschleierlinge erkennt man, wie ihr Gattungsname ausdrückt, an einem, beim jungen Fruchtkörper spinnwebenartigen, aus dünnen Fäden bestehenden Haarschleier, der sich vom Hutrand zum Stiel hin spannt und beim ausgewachsenen, aufgeschirmten Pilz noch als "Schleierreste" oder "Gespinstfragmente" sichtbar ist. Die Lamellen sind mehr oder weniger breit am Stiel angewachsen, also nicht frei, und beim jungen Pilz sehr unterschiedlich gefärbt, bei älteren Exemplaren aber durch den reifen Sporenstaub meist rostbraun.

Der bei uns relativ häufig in Nadelwäldern, besonders an feuchten, moosigen  oder gar sumpfigen Stellen wachsende Spitzgebuckelte Raukopf (Cortinarius speciosissimus / C. rubellus) hat einen rötlichbraunen bis orangefarbenen, bis 7 cm breiten, im Zentrum spitz bis konisch gebuckelten Hut, breite, ziemlich entfernt stehende, orangefarbene, im Alter rostbraune Lamellen und einen im Verhältnis zur Hutbreite langen Stiel, der auf seiner orange-braunen Grundfarbe mit gelblichen Flocken scheckig oder gar genattert erscheint. Schneidet man den Pilz durch, so sieht man das (oft etwas wässerige) orangebraune Fleisch und kann den rettichartigen Geruch wahrnehmen.

Der Orangefuchsige Raukopf (Cortinarius orellanus), von welchem der Name für das enthaltene Gift abgeleitet wurde, ist in unserer Gegend sehr selten. Er ist dem vorgenannten Pilz sehr ähnlich, hat aber einen mehr konvexen, nicht so deutlich gebuckelten Hut und einen einfarbigen, hellen, gelblichen bis messingfarbenen Stiel ohne gelbe Flocken bzw. Bänder.

Ein vergleichsweise kleiner Pilz aus dieser Gruppe ist der auch bei uns häufigere, in feuchten bis nassen Fichtenwäldern meist sehr gesellig im Moos wachsende Goldgelbe Raukopf (Cortinarius gentilis). Sein Hut wird meist nicht breiter als 3 - 4 cm, ist jung rötlich-braun und im Alter oft goldgelb gefärbt, der Stiel ist an der Basis zugespitzt und auf ganzer Länge mit gelben Flocken oder Zonen gezeichnet, das Fleisch riecht durchgeschnitten ebenfalls nach Rettich.

Auch aus der Untergattung der "Klumpfüße" steht ein Pilz im dringenden Verdacht, gefährliche Giftstoffe zu beinhalten, der Prächtige Klumpfuß (Cortinarius splendens s.l.). Die Grund- und Hauptfarbe dieses wirklich schönen Pilzes ist gelb, selbst das Fleisch im Querschnitt zeigt sich durchgehend chromgelb, was seine taxonomische Zuordnung auch erleichtert. Die Stielbasis ist keulig verdickt, was schon die Bezeichnung "Klumpfuß" ausdrückt, die Hutoberfläche ist schmierig und die anfangs goldgelben Lamellen färben sich, wie für die Gattung typisch, später rostbräunlich.

Spitzgebuckelter Raukopf

Cortinarius ( Leprocybe ) rubellus / - speciosissimus

 


Wie eingangs aus einem Zeitungsartikel zitiert, sollen die "erfahrenen" Pilzsammler den Orangefuchsigen Raukopf mit dem Pfifferling verwechselt haben; eine sehr unwahrscheinliche Geschichte, denn zum einen ist der genannte Giftpilz hier noch nicht gefunden worden und zum anderen ist der Pfifferling diesem Pilz in fast keinem Punkt ähnlich.

Ich kann mir vorstellen, dass der ebenfalls tödlich giftige Spitzgebuckelte Raukopf, welcher hier häufig vorkommt, mit dem Kupferroten - oder Filzigen Gelbfuß (Chroogomphus rutilans / C. helveticus) leicht verwechselt werden kann; letztere sind mit dem zu Speisezwecken gern gesammelten Kuhmaul (Gomphidius glutinosus) nahe verwandt.

Was den Prächtigen Klumpfuß (Cortinarius splendens  s.l....) anbelangt, so werden in der Literatur Vergiftungsfälle aus Frankreich berichtet, wo der Pilz für den begehrten Grünen Ritterling, meist "Grünling" genannt (Tricholoma equestre / T. auratum / T. flavovirens) gehalten und als solcher gesammelt und verzehrt wurde. Der Grünling kann nach neuesten Erkenntnissen ebenfalls tödliche Vergiftungen auslösen- siehe S. 23!

Es gibt in dieser großen Gattung, die Fruchtkörper von 1 bis 25 cm Hutdurchmesser beherbergt,  noch viele "verdächtige" Pilze, was nochmals den Appell rechtfertigt, sich zwar über ihre typischen Merkmale zu informieren, sie aber insgesamt nicht als Speisepilze anzusehen.


Filziger Gelbfuß

Chroogomphus helveticus



 
Spitzgebuckelter  Raukopf

Cortinarius (Leprocybe) rubellus /C. speciosissimus

  

Kupferroter Gelbfuß

Chroogomphus rutilus

 

 


P I L Z E :

Orangefuchsiger Raukopf Cortinarius orellanus
Spitzkegeliger Raukopf Cortinarius speciosissimus / C. rubellus
Goldgelber Raukopf  Cortinarius gentilis
Prächtiger Klumpfuß Cortinarius splendens s.l.
Schwarzgrüner Klumpfuß Cortinarius atrovirens
 

P I L Z G I F T E :

Orellanin

L A T E N Z Z E I T :

2 -> 17 Tage

S Y M P T O M E :

  • Müdigkeit -> Durst -> Trockenheit und Brennen im Mund
  • Erbrechen -> Durchfall
  • Kältegefühl -> Schüttelfrost -> Fieber
  • Verminderte oder fehlende Urinproduktion
  • Schmerzen in der Nierengegend
  • Nierenversagen

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