Das ehemalige Lechgerinne von etwa 1270-1750 n. Chr.


 
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Wir überschreiten schließlich zwei munter sprudelnde Arme des Gießerbaches. Die ehemaligen Druckwasserrinnen des Lechgebietes führen im schwäbischen Sprachgebrauch den Namen „Gießer". Vor der Lechkorrektion waren es natürliche Quellbäche, heute müssen sie direkt vom Lech gespeist werden. An jedem einzelnen Ufer früherer Lechbette findet sich auch heute noch eine solche tiefere Doppelrinne als Rest eines früheren starken Wasserarmes. Und tatsächlich stehen wir wieder an einer Terrassenkante, dem ehemaligen Lechufer um das Jahr 1750. Seit der Römerzeit hat nämlich der Lech seinen Lauf stetig nach Osten verlagert, so daß wir auf unserer Wanderung nach Westen jeweils auf ältere Ufer stoßen. Da der Lech als Grenzfluß zwischen Bayern und Schwaben seit 1270 historische Bedeutung besaß, ist seinen Laufveränderungen schon früh großes Interesse entgegengebracht worden, so daß sich seine ehemaligen Ufer ungefähr datieren lassen.

Auf unserem Wege treffen wir jetzt zunächst auf die grasreiche Ausbildung der Schneeheide-Kiefernwälder. Die geschlossene Grasnarbe wird hier von der Fiederzwenke ( Brachypodium pirnnatum), vom Pfeifengras (Molinia coerulea), vom Bunten Reitgras (Calamagrostis varia), vom Amethyst-Schwingel (Festuca amethystina), von der Niederen Segge (Carex humilis) und der Immergrünen Segge (Carex sempervirens) gebildet; die für die Gesellschaft charakteristische Schneeheide (Erica carnea) ist bei weitem nicht so häufig wie in der ericareichen Ausbildung. Auch hier können wir beobachten, wie die natürliche Vergesellschaftung durch den menschlichen Einfluß gestört wurde durch künstliche Einbringung der Buche in die anfangs natürlichen Bestände, die sich, wie es scheint, nicht richtig durchzusetzen vermag. Noch gedeiht manches alpine Gewächs als charakteristischer Bestandteil des Schneeheide-Kiefernwaldes: so die Schneeheide (Erica carnea), der Alpenpippau (Crepis alpestris), der Stengellose Enzian (Gentiana clusii), die Bergdistel (Carduus defloratus), die Silberdistel (Carlina acaulis var. caulescens), das Ochsenauge (Buphthalmum salicifolium), das Brillenschötchen (Biscutella laevigata) und das Alpenmaßliebchen (Bellidiiastrum michelii). Der im Isartal die Schneeheide-Kiefernwälder kennzeichnende Deutsche Backenklee (Dorycnium germanicum) fehlt dem Lechgebiet. Nach einigem Suchen können wir den Felskreuzdorn (Rhamnus saxatilis ), das Geschnäbelte Vermeinkraut (Thesium rostratum) sowie das Steinrösel (Daphne cneorum) zu Gesicht bekommen. Früher war das Stein-rösel im Stadtwaldgebiet sehr häufig und wurde sogar auf dem Markt zum Verkauf feilgeboten. Schon Valerius C u r d u s (1515-1544) berichtete von seinem Massenvorkommen am Lech bei Augsburg (Copiose crescit). Bei einer einzigen Begehung werden wir nicht aller Kostbarkeiten unseres Naturschutzgebietes gewahr. So führen die Feuerlilie (Lilium bulbiferum), die Taglilie (Hemerocallis flava), der Frauenschuh (Cypripedium calceolus), der Hainsalat (Aposeris foetida) und der Salzburger Augentrost (Euphrasia salisburgensis) in anderen Teilen des Haunstetter Waldes ein zum Teil recht verborgenes Dasein.

Lachmöwen in der Nähe des Lochbachanstiches Lachmöwen und alpine Schwemmlingspflanzen

Noch besser als durch die Pflanzen wird der trockene Charakter des Schneeheide - Kiefernwaldes durch die Tierwelt, insbesondere durch die Heuschrecken, angezeigt. Die auffälligste unter ihnen ist der Rotflügelige Schnarrer (Psophus stridulus), der beim Auffliegen ein schnarrendes Geräusch ertönen lässt, wobei er seine prächtig rot gefärbten Hinterflügel zu erkennen gibt. Er ist eine Art, die sonnige, trockene Gebirgswiesen, Heidegebiete und lichte Wälder bewohnt. Völlig unauffällig, aber nicht minder interessant ist die Zweipunktige Dornschrecke (Tetrix bipunctata L. nec Saulcy). Sie zeigt bei uns ebenfalls ihren Verbreitungsschwerpunkt in den Alpen. Im Haunstetter Wald ist zwar bisher nur ein Fundpunkt bekannt geworden, aber lechaufwärts besiedelt sie bis hinauf zur Lechquelle jenen recht schmalen Uferstreifen, der nur knapp über dem Wasserspiegel liegt. Die Zweipunktige Dornschrecke führt uns nicht nur wieder einmal die Einflüsse des nahen Alpenraumes vor Augen, auch der kontinentale Klimacharakter unseres Naturschutzgebietes spiegelt sich in der Zusammensetzung der Heuschreckenfauna wieder. So zeigt diese Dornschrecke in ihrem boreal-alpinen Areal eine deutliche kontinentale Ausbreitungstendenz. Ein ebenfalls östlicher bis südöstlicher Faunenbürger des Haunstetter Waldes ist eine Höckerschreckenart (Arcyptera fusca), die nur an wenigen Plätzen in Deutschland bekannt ist, so z. B. auch auf der Garchinger Heide bei München. „Streift man im Hochsommer über den alten Schießplatz im Haunstetter Wald . . . , so mag es wohl vorkommen, daß mit auffallendem Schnarren ein großer, recht bunt gezeichneter Heuhüpfer (aber ohne rote Flügel) auffliegt, nach einem Flug von mehreren Metern landet und kurz nach dem Landen ein lautes Geräusch, ähnlich wie das einer Kinderknarre, hören läßt", so be-schreibt W.J a c o b s die auffallenden Lautäußerungen, die die Männchen dieser seltenen Art hervorzubringen vermögen. Andere, mehr atlantische Mikroklimate bevorzugende Heuschreckenarten fehlen dem Haunstetter Wald dafür ganz. So wird man vergebens nach der Zwitscherschrecke (Tettigona cantans) suchen, während die trockene und warme Plätze liebende Grüne Laubheuschrecke (Tettigonia viridissima) häufig auftritt. Im benachbarten atlantisch getönten „Rauhen Forst", im Westen von Augsburg, ist es gerade umgekehrt: Tettigonia sima fehlt, dagegen ist Tettigonia cantans verbreitet.

Indem wir uns einem weiteren früheren Lechufer, mit einem als Neuen Graben bezeichneten Gießer, nähern, ändert sich das Vegetationsbild allmählich durch das stetige Zurücktreten der Schneeheide (Erica carnea) und der mit ihr vergesellschafteten charakteristischen Arten. Das Pfeifengras (Molinia corulea) wird üppiger und die Kronen der Kiefern schließen dichter. Nur selten erfreut uns noch eine botanische Besonderheit. Bei etwas Glück erblicken wir immerhin schöne Sumpfgladiolen (Gladiolus palustris) im Pfeifengrase.

 

Kanalrinne des Lechs am Kupferbichlgeräumt

Alter Flußarm des Lechs am Kupferbichlgeräumt Alte Uferlinie des Lechs um 1750

Das ehemalige Lechgerinne von 700 bis etwa 1270 n. Chr.

Wir überschreiten das ehemalige Lechufer von etwa 1270 und gelangen nun in einen Bereich stärkerer menschlicher Einflüsse. Hier wurden Fichtenforste angelegt. Wir kommen raschen Schrittes voran, denn im schattigen Fichtenwald begegnet uns nicht viel Bemerkenswertes. Nur der Wegrand erhält genügend Licht für eine üppigere Vegetation, was durch den dichten Bewuchs mit Pfeifengras deutlich wird.

Das ehemalige Lechgerinne von 200 bis etwa 700 n. Chr.

Bald erreichen wir den Waldrand und damit auch die Grenze des Naturschutzgebietes, an dem der sog. Lochbach entlangfließt (Lechufer um 700). Unser Blick streift hinaus über freies Wiesengelände und wir fragen, ob das auch in geschichtlicher Zeit noch Lechbett gewesen sein sollte. Wir dürfen es sicher annehmen, denn in einiger Entfernung erkennen wir eine ausgeprägte Terrassenkante, das Lechufer zur Römerzeit. Wir wissen es, seit ein Lechhochwasser den geraden Zug der Via Claudia unterbrochen hatte und die Römer zum Bau einer Umgehungsstraße zwang (B. E b e r l zitiert bei H. P i s c h e r 1959).

 

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