Die Heidewiesen am Rande der Wälder


 
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Die Königsbrunner Heide und die Kissinger Heide sind weitere Naturschutzgebiete im Süden der Stadt Augsburg, die mit dem Haunstetter Wald eine naturräumliche Einheit bilden. Wie der Stadtwald liegen auch sie über dem ehemaligen Flutbereich des Lechflusses. Die Königsbrunner Heide schließt sich unmittelbar nordwestlich an den Haunstetter Wald an; sie ist ein Teil des Naturschutzgebietes „Stadtwald Augsburg". Auch sie zeigt bedauernswerte menschliche Einbrüche: Abholzung einzelner Kiefernüberhälter in den ersten Jahren nach dem letzten Kriege, in die gleiche Zeit fallende teilweise Nutzbarmachung für die Landwirtschaft, unzeitgemäßes Mähen und Aufforstung beträchtlicher Teile in der allerjüngsten Zeit, wobei keineswegs nur ehemalige Umbrüche, sondern auch völlig intakte Heideflächen betroffen wurden. Aufforstung in dichtem Pflanz-verband bedeutet aber schließlich ganz empfindliche Verluste an der Flora. Bei dem verbliebenen Heiderest handelt es sich glücklicherweise um eine zusammenhängende, aber nur noch 4-5 ha große Fläche mit lückigem Wacholderbestand, die wegen ihrer botanischen Besonderheiten unter allen Umständen gegen weitere Eingriffe, gleich welcher Art, energisch verteidigt werden muß. Noch mehr: Es müßte erreicht werden, einen Teil der erwähnten großflächigen Aufforstungen wieder zu beseitigen, nicht allein im Interesse der bedrohten wertvollen Pflanzenbestände, sondern um die empfindliche Schmälerung des Gesamtgebiets einigermaßen auszugleichen.

Eine der größten Kostbarkeiten der Königsbrunner Heide ist das Berglaserkraut (Laserpitium siler), ein alpines Doldengewächs, welches nur ganz vereinzelt ins Alpenvorland hinausstrahlt. Vor über hundert Jahren wurde diese Pflanze vom Augsburger Floristen F. C a f l i s c h auf der Königsbrunner Heide in wenigen Exemplaren beobachtet, an der nämlichen Stelle, wo es auch heute noch in einigen kräftigen Stöcken vorkommt. Darüber hinaus begegnet uns hier manch andere Alpenpflanze. Die Wohlriechende Händelwurz (Gymnadenia odoratissima) besitzt im Alpenvorlande nur wenige vorgeschobene Fundorte; einer davon ist die Königsbrunner Heide (E. N o w o t n y briefl.), wo sie wie im südlichen Haunstetter Wald als große Seltenheit zu finden ist. An einigen Stellen bildet die Herzblättrige Kugelblume (Globularia cordifolia) dichte Rasenteppiche. Weiterhin gedeihen das Gipskraut (Gypsophila repens), der Stengellose Enzian (Gentiana clusii), der Schlauchenzian (Gentiana utriculosa), die Mehlprimel (Primula farinosa), die Immergrüne Segge (Carex sempervirens), das Ochsenauge (Buphthalmum salicifolium), die Tofieldie (Tofieldia calyculata), der Felsenkreuzdorn (Rhamnus saxatilis), spärlich die Schneeheide ( Erica carnea ) und die Buchskreuzblume (Chamaebuxus alpestris). Zu diesen Arten kommen mehrere Pflanzen anderer geographischer Herkunft, wie die Feinblätterige Wiesenraute (Thalictrum galioides) (E. N o w o t n y briefl.) oder der Rauhhaarige Alant (Inula hirta)

Westliche Uferlinie des Lechs um 1923 bei Siebenbrunn Uferbereich des Gießers

Größere Flächen bedeckt die seltene Sumpfgladiole (Gladiolus palustris); im vergangenen Jahre blühten dort einige Tausend Exemplare! Eigentlich bevorzugt sie feuchtere Böden, und desto verwunderlicher ist es, wenn sie in der Königsbrunner Heide noch auf den trockensten Stellen, wo die Grasnarbe nicht mehr geschlossen ist und die Flechten die Herrschaft anzutreten beginnen, gedeihen kann. Die interessanten Ragwurzarten fehlen gleichfalls nicht. Am häufigsten ist die Fliegenragwurz ( Ophrys insectifera ), während man nach der Wespenragwurz (Ophrys sphegodes) und nach der Spinnenragwurz (Ophrys arachnites) länger suchen wird müssen. Die Bienenragwurz (Ophrys apifera) fehlt sowohl dem Haunstetter Wald als auch der Königsbrunner Heide. Weiter südlich, in der Oberottmarshausener Heide, konnte aber auch unsere vierte Ophrysart entdeckt werden. Gleichwie auf der Garchinger Heide bei München überzieht das Sternhaarige Fingerkraut (Potentilla arenaria) den Heideboden. Es handelt sich um ein kontinentales Gewächs, welches genau wie die ebenfalls hier vorkommende Küchenschelle (Pulsatilla vulgaris) im Osten Europas ihre Heimat besitzt. Hie und da begegnen uns auch die urtümlichen Wedel des Mondrautenfarnes (Botrychium lunaria). Der Herbstaspekt wird durch die unzähligen violetten Blüten des Deutschen Enzians (Gentiana germanica) und durch die gleichfalls violette Herbstaster (Aster amellus) bestimmt. Daneben prangen aber auch als große Seltenheit des Gebietes die goldenen Blütenköpfe der Goldaster (Aster linosyris).

Auch die Fauna zeichnet die Königsbrunner Heide als eine typische Heidewiese des Lechfeldes aus, als eine trocken-warme Grassteppe mit alpiner, kontinentaler und submediterraner Beeinflussung. Die Heideschrecke (Gampsocleis glabra) beweist wohl den Steppencharakter unserer Heide am besten; sie ist der dritte Fundpunkt dieser kontinentalen Heuschrecke in Deutschland. Ihre eigentliche Heimat hat sie in den Steppengebieten der südlichen Sowjetunion. Ein weiterer kontinentaler Heuschreck ist Stauroderus mollis, hier eine Charakterart der ericaarmen Grassteppen (er fehlt also den typischen Schneeheide-Kiefernwaldgesellschaften). Daneben wird die Königsbrunner Heide aber auch von mancher alpinen Heuschrecke bewohnt, die uns schon im Haunstetter Walde begegnete.

Der Quellsteinbrech Auwaldgesellschaft mit Sanddorn

Die Kissinger Heide, auf dem rechten Lechufer an der Bahnstrecke Augsburg München gelegen, hat anderen Charakter; sie ist wegen ihres Reichtums an Orchideen bekannt geworden. Die Ophrysarten und ihre Bastarde, die Pyramidenhundswurz (Anacamptis pyramidalis), das Wanzenknabenkraut (Orchis coriophora), die Brandorchis (Orchis ustulata), die Händelwurz (Gymnadenia conopea), wachsen hier reichlicher als anderswo. Bis vor wenigen Jahren standen im Mai die blauen Glocken des Stengellosen Enzians (Gentiana clusii) - ohne Übertreibung - zu Tausenden auf der Heide. Vor zehn Jahren noch erschien eine ehemalige flache Kiesgrube am Bahnkörper vom fahrenden Zug aus als großer blauer Teppich; so dicht standen diese herrlichen Pflanzen! Heute wächst er nur mehr vereinzelt oder höchstens in lückigen Beständen Zahlreiche Löcher zeugen davon, wie sehr ihm von „Blumenfreunden" nachgestellt wird! Andere botanische Seltenheiten sind weniger auffällig oder weniger bekannt, wie etwa die Rote Schwarzwurz (Scorzonera purpurea), ein Vertreter des pannonischen Raumes, die alpinen Moosfarnarten (Selaginella helvetica und selaginoides), das Schmalblätterige Waldvögelein (Cephalanthera xiphophyllum) und das Mariengras (Hierochloe odorata)(E. N o w o t n y briefl.).

Die Heidewiesen waren nicht von jeher baumloses Gebiet. Wir dürfen annehmen, daß sie einst einen sehr lückigen Strauchwuchs und einzelne Bäume und Baumgruppen, die über die weiten Flächen verstreut waren, trugen. Brände, Rodungen und Schafweide mögen die heute fast offenen Heideflächen haben entstehen lassen. In gewissem Sinne hat die Zurückdrängung des Baum- und Graswuchses durch die Einmähderwirtschaft und die extensive Schafbeweidung das Vorkommen einzelner seltener Steppenelemente sogar gefördert. Im ganzen aber haben diese Veränderungen die natürliche Ordnung der Vegetation nicht so grundlegend gestört wie die schweren Eingriffe aus der jüngeren Zeit. Obwohl die Kissinger Heide seit 20 Jahren vollen gesetzlichen Schutz genießt, wurde von der Gemeinde Kissing in den fünfziger Jahren wider die gesetzlichen Bestimmungen die Erweiterung einer längst aufgelassenen, kleinen Kiesgrube gestattet, die den nordöstlichen und vielleicht wertvollsten Teil des geschätzten Geländes weitgehend zerstörte und in übler Weise verunstaltete. Monatelang war der Kiesabbau im Gange; monatelang wurde Abraum auf benachbarten Heideflächen abgelagert und der ohne jegliche Genehmigung in großen Mengen gewonnene Kies über z. T. neue Wege abgefahren, bis der gesetzwidrige Zustand von den Naturschutzbehörden entdeckt und schließlich abgestellt wurde. Die Verunstaltungen sind geblieben. Vorher schon, in den Jahren nach dem letzten Weltkrieg, waren ebenso widerrechtlich eine Anzahl Äcker in die Heide gerissen worden, deren Auflassung erst nach jahrelangen Bemühungen gelang. Während man unmittelbar nach dem Krieg in dem nordöstlichen Teil des Schutzgebietes noch Hunderte von Exemplaren von Ophrys aranifera und muscifera und ihrer Bastarde zählen konnte, ist diese Flora insbesondere durch die Erweiterung der Kiesgrube größtenteils zerstört worden. Damit ist es aber noch nicht genug: Am Nordrand des Schutzgebietes, aber noch innerhalb des geschützten Bereichs, wurde in jüngster Zeit die Errichtung eines Brunnenhauses für Trinkwasserversorgung zugelassen, und noch immer wird die Heidefläche, trotz aller Einsprüche der Naturschutzfachstellen, besonders in der Badezeit als Parkplatz für Kraftfahrzeuge benutzt.

Offener Schneeheide Kiefernwaldgesellschaft Pfeifengras Kiefernwaldgesellschaft
Die Königsbrunner Heide mit Blick auf das Lechfeld Die Königsbrunner Heide mit Blick auf den Haunstetter Wald

 

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