5. Naturschutzmaßnahmen der letzten 20 Jahre und Empfehlungen für die Zukunft


 
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Zu welcher Zeit die landwirtschaftliche Nutzung der Haide durch Beweidung oder Mahd ihren Niedergang fand, kann heute nicht mehr genau rekonstruiert werden. Doch bereits 1967 berichtet HIEMEYER, daß keine Beweidung mehr stattfindet. Man kann davon ausgehen, daß bereits in den 50er Jahren mit dem Niedergang der Schafbeweidung in Bayern auch im Naturschutzgebiet diese traditionelle Nutzung aufhörte. Fortan bemühte sich der Naturwissenschaftliche Verein für Schwaben durch gelegentliche Mahd und Entbuschung den Offenlandcharakter der Haide zu erhalten (Hiemeyer 1999 mdl.).

Im Jahre 1980 begann dann eine systematische Pflege der Haide durch das verantwortliche Amt bei der Stadt Augsburg (früher Gartenamt, heute Amt für Grünordnung und Naturschutz). In den ersten Jahren erfolgte nur ein Reinigungsschnitt im Spätsommer, wobei jeweils nur ein Drittel der Haide gemäht und das Mähgut abgeführt wurde. Mit zunehmenden Kenntnisstand über die Haidevegetation schlossen sich bald differenzierte Pflege- und Managementmaßnahmen an, mit dem Ziel, die Haideflächen wieder zu vergrößern.

Bereits 1962 forderte BRESINSKY, daß die 1945 ungenehmigten Aufforstungen wieder gerodet werden. Zähes Ringen mit der Forstverwaltung haben seit 1986 nur in Teilbereichen zu Auflichtungen und einem Rückbau der Haide geführt. Dort wo seinerseits die Aufforstungen ohne vorherigen Umbruch getätigt wurden, sind die Erfolge beachtlich: Wenige Jahre nach der Auf-lichtung haben wieder viele charakteristische Pflanzen die Flächen zurückerobert (vgl. MÜLLER & al. 1998) Gemessen an der Gesamtfläche der Aufforstungen sind die durchgeführten Maßnahmen bislang nur bescheiden.

Positiver ist heute die Bilanz, betrachtet man die Renaturierungsmaßnahmen von aufgedüngten Haiden. Hier wurden seit 1984 im östlichen Bereich alle Wiesen aus der intensiven Nutzung genommen. Nach 10 Jahren Aushagerungsschnitten (2 bis 3 Schnitte pro Jahr) zeigen die Flächen im direkten Kontakt zu intakten Bereichen der Hasenhaide eine positive Entwicklung zu Halbtrockenrasen. Auch im ehemaligen Kartoffelacker wurden seit 1984 Renaturierungsmaßnahmen durchgeführt und zweimal im Jahr gemäht. Zu Beginn war die Fläche fast ausschließlich von Calamagrostis epigeios besetzt. Bereits in den ersten Jahren der Renaturierung erschienen Buphtalmum salicifolium, Carduus defloratus, Leonto­don incanus und nach 6 Jahren zum ersten Mal Gladiolus palustris. Heute ist das Waldreitgras fast vollständig verschwunden und es hat sich wieder ein Halbtrockenrasen zurückgebildet. Diese Versuche zeigen, daß bei intaktem Umfeld und entsprechendem Management eine Haideregeneration bis zu einem bestimmten Grad möglich ist (näheres zu den Renaturierungsmaßnahmen vgl. MÜLLER & al. 1998). Bemerkenswert ist auch, daß auf Bestreben des Trinkwasserschutzes die im Süden angrenzenden Ackerflächen in Wiesen umgewandelt wurden. Leider wurde bisher versäumt, durch Ausbringung von Mähgut deren Entwicklung positiver zu beeinflussen.

Erfolgreiche Besucherlenkung Selektive Pflegemahd

Für die Zukunft wird es darauf ankommen, daß die Haideflächen wieder vergrößert werden. Das ist nicht nur aus Sicht des botanischen Artenschutzes von Bedeutung, sondern auch aus Sicht der Tierwelt. Auf Grund der Biotop-schrumpfungen haben einige Arten kritische Populationsgrößen erreicht oder sind heute ausgestorben. Die Heideschrecke (Gampsocleis glabra) wurde noch von BRESINSKY (1962) festgestellt. Um die Offenlandstandorte wieder deutlich zu vergrößern, bedarf es dringend einer Einbeziehung der angrenzenden Fettwiesen und Kiefernwälder in die Entwicklungskonzepte des Naturschutzes. Wichtig ist die Wiederöffnung der Haide nach Süden und die Regeneration der Fettwiesen durch Aushagerung und Ausbringung von Mähgut. Die entlang der Straße verlaufende Hecke führt bereits seit 10 Jahren zu deutlichen Versaumungstendenzen in der Zentralhaide und muß möglichst rasch entfernt werden (vgl. Abb. 4 u. 5). Mittelfristig sollte die Haide in das Beweidungskonzept der Lechauen einbezogen werden. Dadurch könnte eine Ausbreitung von Diasporen durch Schafe die Renaturierungsflächen positiv beeinflussen (vgl. z. B. POSCHLOD & al. 1991).

Ebenso sollten die angrenzenden Kiefernwälder in ein Beweidungskonzept einbezogen werden. Derzeit findet in den Wäldern auf Grund der fortgeschrittenen Bodenentwicklung keine Kiefernverjüngung statt. Ehemals häufige Arten wie die Schneeheide sind selten geworden. Die Kiefernwälder entwickeln sich zu anspruchsvolleren Eichen-Kiefernwälder. Da auf Grund der zerstörten Flußdynamik heute keine neuen Standorte für Schneeheide-Kiefernwälder mehr am bayerischen Lech entstehen, ist dieser Waldtyp nur durch entsprechende Waldbewirtschaftung zu erhalten. Wie Untersuchungen von HÖLZEL (1996) gezeigt haben, kann durch Beweidung der fortlaufenden Bodenentwicklung Einhalt geboten werden und die Verjüngung der Kiefer gefördert werden. Denkbar wäre es auch, alte Nutzungsformen wieder einzuführen, wie z. B. die Mahd der Pfeifengras-Kiefernwälder im Herbst, wodurch eine natürliche Verjüngung der Kiefer begünstigt würde. Nachdem die präalpinen Schneeheide- und Pfeifengras-Kiefernwälder im Naturschutzgebiet ihre nördlichste Ausstrahlung im Alpenvorland haben, sollte auch dieser Waldtyp hier erhalten werden.

Und nicht zuletzt wird es auch darauf ankommen, die vielen Besucher sinnvoll zu lenken und zu informieren. Die derzeitige Tendenz - die Zunahme der Trampelpfade - zeugt von einem anhaltenden Naturinteresse, das gefördert werden muß. Das darf aber nicht zu einer Zerstörung der wertvollen Bereiche führen, sondern die Besucher müssen gelenkt werden, damit sich auch spätere Generationen an der Schönheit und Eigenart dieser einmaligen Haide erfreuen können.

Danksagung

Viele KollegInnen und Freunde haben Beiträge zur Florenliste erbracht– insbesondere danken möchte ich Herrn Dr. F. Hiemeyer mit dem ich in den letzten 20 Jahren viele Stunden im Fachgespräch und bei Naturschutzbemühungen auf „unserer Haide“ verbrachte. Dank gilt auch Frau B. Kopp vom Landschaftspflegeverband Augsburg und meinem langjährigen Kollegen im Naturschutzamt Augsburg Herrn R. Waldert. Um die Pflege und den Erhalt der Haide haben sich in den letzten 20 Jahren darüber hinaus viele weitere Personen verdient gemacht – besonders nennen möchte ich in diesem Zusammenhang den langjährigen ehemaligen Leiter des Naturschutzamtes der Stadt Augsburg Herrn K.-R. Schmidt, die jetzige Leiterin Frau Dr. A. Dobner und den Leiter der Unteren Naturschutzbehörde Herrn G. Schmidt.

Literatur

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