Johann Stangl (1923 - 1988) zum Gedenken


 

Bericht aus der Zeitschrift für Mykologie 54(2) 1988

Unerwartet verstarb am 9.5.1988 unser allerseits hochgeschätztes Ehrenmitglied Johann Stangl in Augsburg im Alter von fast 65 Jahren. Der unzeitige Tod hat uns alle, die wir ihn kannten und schätzten, tief getroffen.

Johann Stangl hatte sich als Autodidakt zum intemational anerkannten Mykologen emporgearbeitet. Eine Reihe von Pilzen tragen seinen Namen (z. B. Inocybe stangliana, Squamanita stangliana, Coprinus stanglianus), renommierte Mykologen haben ihm ihre Beiträge gewidmet (u. a. Kreisel, Singer).

Sein Spezialgebiet waren die Großpilze und hier wiederum besonders die Gattung Inocybe (Rißpilze). Neben floristischen Studien ausgewählter Gebiete hat er sich besonders der Systematik dieser Gattung angenommen und dabei nicht nur eine Reihe von Arten abgegrenzt und taxonomisch geklärt, sondem auch eine nicht geringe Zahl von Sippen erstmals beschrieben und benannt. Bei seinen Studien ging er sehr konsequent vor. Die Pilze wurden im Gelände sorgfältig gesammelt, zu Hause beschrieben, aquarelliert, bestimmt und zu Exsikkaten verarbeitet. Auf diese Weise ist ein reichhaltiges Belegmaterial zustandegekommen, einmalig und besonders reichhaltig an Inocyben, aber auch sehr repräsentativ für alle übrigen Pilzgruppen.
Die Belege werden im Staatsherbarium in München aufbewahrt, wo sie einen wichtigen Bestandteil der dortigen Sammlungen bilden. Das Material gehört zum Wertvollsten, was wir an Belegen zur Macromycetenflora Bayerns besitzen. Besonders hervorzuheben ist auch sein Beitrag zur Revision des Werkes seines ebenfalls in Augsburg tätigen Vorgängers Max Britzelmayr; die hierbei geleistete Arbeit ist nicht nur ein Beitrag zur Kenntnis der Pilzflora unseres Landes, sondern auch ein Mosaikstein zur richtigen Benennung der Pilze.
Bei allen diesen Tätigkeiten und Studien waren es Konsequenz und Fleiß, die größte Bewunderung verdienten. Seine Arbeit mit den Pilzen erstreckte sich bis in die späten Nachtstunden. Als zusammenfassendes Ergebnis aller seiner Studien ist besonders die Pilzflora von Augsburg mit Kartierung aller in diesem Gebiet vorkommenden Großpilze sowie sein Lebenswerk "Die Gattung Inocybe in Bayern" hervorzuheben, dessen für dieses Jahr vorgesehene Publikation Johann Stangl nun leider nicht mehr erleben durfte.
Das Werk wird in der Zeitschrift Hoppea (Regensburg) mit zahlreichen Mikrozeichnungen und Aquarellen von seiner Hand, einer ausführlichen Würdigung der Person und Leistung des Verstorbenen und einem vollständigen Schriftenverzeichnis erscheinen. Die Monografie wird die Bestimmung aller einheimischen Arten dieser schwierigen Gattung wesentlich erleichtern.

Johann Stangl wurde am 3. Juli 1923 in Augsburg geboren. Nach einer Schlosserlehre (1937 1940) bei den Stadtwerken Augsburg, Kriegsteilnahme (1940 1944) und Verwundung am Bein mit bleibender Behinderung begann seine berufliche Tätigkeit 1946 als Technischer Zeichner bei den Stadtwerken. Aufgrund seiner besonderen Leistungen und Fähigkeiten im Großrohrund Brunnenbau wurde er zum Oberwerkmeister und schließlich zum Betriebsinspektor befördert.
1983 ging er aufgrund seiner Kriegsverletzungen in den Ruhestand, der nun leider zu kurz bemessen war, um ihn für seine nebenberufliche Tätigkeit als Mykologe ausgiebig nutzen zu können oder die Früchte der Arbeit auch weiterhin reifen zu sehen. Neben dem Beruf und der Mykologie galt die Sorge von Herrn Stangl seiner großen Familie. Seit 1945 mit seiner Frau Hermine verheiratet, entstammen dieser Ehe 7 Kinder. Wie Verantwortung und alle Hingabe für Beruf, Mykologie und Familie aufgebracht werden konnten, so daß letztlich hervorragende Arbeit aus einem Leben in und mit der Familie gedeihen konnte, verdient höchste Bewunderung.

Johann Stangl war ein von Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft geprägter, offener Mensch, der sich nicht scheute, seine Meinung in manchmal sehr deutlichen Worten auszudrücken. Durch eine gelegentlich rauhe Schale strahlte sein aufgeschlossenes und von Sensibilität geprägtes Wesen, das es ihm erlaubte, Freundschaften zu schließen und einer Welt voller Pracht und Vielfalt in Formen und Farben zugetan zu sein, den Pilzen und den schönen Wäldern der Augsburger Umgebung.

Es bleibt uns eine liebe Erinnerung und ein Werk, das wir nutzen und achten werden.

Prof. Dr. Andreas Bresinsky

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