Das ehemalige Lechgerinne um 1923


 
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Zunächst befinden wir uns im letzten Bett des Leches vor der Korrektion. Seine ehemaligen Arme treten uns als breite, größtenteils trockene Gräben entgegen, die sich durch das frische Grün feuchter Weidenaugesellschaften von dem Graugrün der Sanddornau besonders deutlich absetzen. Allenthalben rechts und links unseres Weges gedeiht der Sanddorn auf dem groben Geröll der ehemaligen Lechkiesbänke. Als diese noch offen waren, spülten die Lechfluten den Samen mancher alpiner Schwemmlinge an: den Knorpelsalat (Chondrilla chondrilloides) , ein gelbblühender Körbchenblütler mit fleischigen blaugrünen Blättern, die Gemskresse (Hutchinsia alpina ), deren weiße Kreuzblüten über recht dichten Blattpolstern stehen, das Alpenleinkraut (Linaria alpina) mit wunderbaren blaugelb gefärbten Maskenblumen, das Alpenrispengras (Poa alpina) und den Bergbaldrian(Valeriana montana) Diese Arten wird man heute vergebens am Lech südlich Augsburg suchen, einst erreichten sie jedoch hier ihre nördlichsten Verbreitungspunkte.

Von jenen Zeiten her, als die Sanddornaugesellschaft noch eine Schwemmlingsflur war, grüßen uns auch heute noch die blauen Blütenglocken der dichtrasigen Kleinen Glockenblume (Campanula cochleariifolia), und die zierlichen, rosa his weißgefärbten Blütensterne des Gipskrautes (Gypsophila repens), oder gar die graugrünen Ruten der Deutschen Tamariske (Myricaria germanica). Die Sanddornau erscheint im prächtigsten Schmuck, wenn im Herbst die oran-geroten Scheinbeeren des Sanddornes (Hippophae rhamnoides) in übergroßer Zahl an den Zweigen reifen. Dann leuchten auch aus dem herbstlich rotbraunen Pfeifengras die goldgelben Blütenköpfe des Raukenblättrigen Greiskrautes (Senecio erucifolius) oder die gefransten blauen Blütenkelche des Fransen - Enzianes (Gentiana ciliata). Der Sanddorn ist kein Alpengewächs. Auch die Küsten der Nord- und Ostsee hat er, von seinem kontinentalen Hauptverbreitungsgebiet aus, wo er vornehmlich in Salzsteppen gedeiht, besiedelt. Freilich vermag er weit ins Innere der Alpentäler vorzudringen, soweit sie so warm sind wie z. B. das Inntal. In der Späteiszeit hat der Sanddorn vor Beginn der dichteren Bewaldung als Pioniergehölz vermutlich auch Teile der Moränenlandschaft besiedelt.

Erst mit zunehmender Bewaldung ist bei uns sein Vorkommen auf die Flußläufe beschränkt worden. Verschwunden sind die Kolonien der Lachseeschwalbe (Gelochelidon nilotica) auf den Kiesbänken bei Kissing und Mering. Das Brutareal dieses Kosmopoliten umfaßt, außer unserem Erdteil, Asien, Au-stralien, Nord- und Südamerika. In Mitteleuropa brütet er zeitweise an der Ost- und Nordsee, im Binnenland nur am Neusiedlersee bis 1942, an der Isar, wo „der Herzog August von L e u c h t e n b e r g am 11. Mai 1330 unweit München 116 (!!) Stücke geschossen" hat (A. J. J ä c k e 1), sowie am Lech unter- und oberhalb von Augsburg bis 1931. Nach Vernichtung der Niststätten am Haunstetter Wald durch die Flußkorrektion übersiedelten 1933 und 1931 einige Paare in das Ismaninger Teichgebiet. Junge kamen in den dreißiger Jahren bei uns nicht mehr auf. Zuletzt sah W. W ü s t am 30. Mai 1937 eine laut schreiende Lachseeschwalbe über dem ehemaligen, nun verödeten Vogelparadies zwischen Kissing und Mering kreisen. Fast gleichzeitig mit der Lachseeschwalbe und aus denselben Gründen verließ der Triel (Burhinus oedicnemus) seinen letzten süddeutschen Brutplatz am Lech oberhalb der schwäbischen Hauptstadt. Mit dem Triel räumten Lachmöwe (Larus ridibundus), Kiebitz (Vanellus vanellus), Rotschenkel (Tringa totanus), Großer Brachvogel (Numenius arquata) und selbst der genügsame Flußuferläufer (Actitis hyoleucos) das Feld.

Ehemaliges Lechgerinne zwischen Kissing und Mering Der Lech um 1914

Welch buntes Vogelleben einst an den Lechinseln geherrscht haben muß, geht aus der lebendigen Schilderung von A. F i s c h e r hervor: „In dichten Massen flogen vor unserer Landung die zu vielen hunderten brütenden Möwen auf, Nest an Nest stand hier wieder an manchen Stellen so dicht nebeneinander, daß man Mühe hatte keine Eier zu zertreten. Gruppenweise rannten die Möwen dem unteren Teil der Insel zu, um das schützende Wasser zu erreichen und auf benachbarte niedere Kiesrücken zu schwimmen, begleitet von dem ununterbrochenen Geschrei der alten Möven. Auf dem in der Nähe gelegenen grasarmen, breiten Kiesrücken hatten sich Lach- und Flußseeschwalben, einige Pärchen Rotschenkel und Kiebitze angesiedelt. Aus einem Seitenarme flogen vier alte Fischreiher auf, die mit langsamen Flügelschlägen das Weite suchten. Auf dem ruhigen Wasser zwischen den Kiesbänken schwamm ein Sägerentenweibchen mit ihren sechs Jungen. So war es also ausgerechnet unserer Zeit vorbehalten, daß durch Zerstörung der letzten Lebensmöglichkeiten diese Charaktervögel des Isar- und Lechgebietes zum Abwandern gezwungen wurden.

Die Insektenwelt der Kiesbänke war damals nicht minder reichhaltig. Sie spiegelte die biogeographischen und mikroklimatischen Verhältnisse unseres Naturschutzgebietes in einzigartiger Weise wider. Die feuchten verschlammten Kiesbänke waren das Biotop einer Heuschreckengesellschaft mit zum Teil äußerst seltenen Vertretern. Die seltenste Art, die Mitteleuropäische Strandschrecke (Epacromius tergestinus ponticus), wird -als Relikt einer nacheiszeitlichen Wärmeperiode angesehen. In Deutschland ist sie einzig am Lech bei Haunstetten beobachtet worden (bis 1951). Sonst bewohnt die Art E. tergestinus die Atlantikküste Frankreichs von der Gironde bis zur Loire, einzelne Teile Südeuropas und weite Gebiete in der UdSSR. Die Unterart E. tergestinus ponticus lebt in Mitteleuropa, aber sehr verstreut an wenigen Plätzen in Tirol, Vorarlberg und der Schweiz. Die mit ihr vergesellschafteten anderen Heuschrecken (Tetrix türki und Chorthippus pullus) leben heute noch am Lech, vornehmlich auf den tieferliegenden Sand und Kiesbänken, nur wenige cm über dem Grundwasser. Sobald aber die Kiesbänke höher liegen und damit trockener werden, verschwinden die genannten Arten bis auf Ch. pullus; hier ist das Reich der trockenheitsliebenden kontinentalen Blauflügeligen Ödlandschrecke (Oedipoda coerulescens) mit ihren auffälligen zartblauen Hinter-flügeln. Nur beim Fliegen ist es ein leichtes, ihrer gewahr zu werden; sobald sie aber sitzt, heben sich ihre grau gemusterten Flügeldecken nur undeutlich vom Kiesgrund ab.

Heute, als Folge der Flußkorrektion, beobachteten wir kaum mehr etwas von den ehemaligen Lebensgemeinschaften dieser Kiesbänke; die Tierarten sind reduziert, aber die Umbildung und Entwicklung der Pflanzengesellschaften ist weitergegangen. So vermag sich teilweise in der Sanddornau bereits die Waldkiefer (Pinus silvestris) in ausgedehnten Kolonien zu behaupten und mit ihr ein alpiner Zwergstrauch, die Schneeheide (Erica carnea). Wir erkennen in diesen Pflanzen die Pioniere einer neuen Gesellschaft, der alpinen Schneeheide-Kiefernwaldgesellschaft. Wo der Fluß anstelle von grobem Geröll Feinsand zur Ablagerung brachte, entwickelten sich im Laufe der Zeit ganz andere Pflanzengesellschaften. Auf grundwassernahen Feinsandböden bildete noch vor wenigen Jahren der Kleine Rohrkolben (Typha minima), eine in Mitteleuropa aussterbende Pflanze, dichte Bestände am Lech südlich Augsburg. Ursprünglich war er an den größeren Alpenströmen, wie Inn, Salzach, Isar, Rhein, Aare, Rhone usw. recht verbreitet, infolge der Korrektionierung und zunehmenden Gewässerverschmutzung ist er aber immer seltener geworden.

Weniger stark vom Grundwasser abhängig ist die normale Ausbildung der Weidenau mit Purpurweide (Salix purpurea) und Grauerle (Alnus incana), wie sie sich an unseren Wegen teilweise durchsetzt. Hier hört man, besonders im Frühjahr, wenn die Weidenbüsche sich zu belauben beginnen, den melodischen Gesang des Fitislaubsängers (Phyloscopus trochilus) und das einfache Lied des Zilpzalps (Phylloscopus collybita).

Lachmöwen in der Nähe des Lochbachanstiches Lachmöwen und alpine Schwemmlingspflanze

Wir verfolgen das Kupferbichlgeräumt im jüngsten Flutbereich des Lechs solange, bis wir an eine um drei Meter erhöhte Terrassenkante - das westliche Lechufer von 1923 -gelangen. Nur an wenigen Stellen steigt Druckwasser in den Graben, der sich der Terrasse entlang zieht und eine ehemalige stärkere Flutrinne darstellt. Hier steht heute ein schöner Bestand eines fortgeschrittenen Auwaldes mit Esche (Fraxinus excelsior), Spitzahorn (Acer pseudoplatanus) Weißbuche (Carpinus betulus), Schlehe (Prunus spinosa), Liguster (Ligustrum vulgare), Weißpappel (Populus alba), Rotbuche (Fagus silvatica) und Heckenkirsche (Lonicera xylosteum). So mag auch der Auwald ausgesehen haben, in dem zwischen Siebentischwald und Siebenbrunn früher der Augsburger Bär (Pericallia matronula) schwärmte, ein prächtiger Schmetterling, „dessen olivbraune Vorderflügel durch eine zart schwefelgelbe Fleckenreihe am oberen Rande belebt werden, während die tief orangen Hinterflügel von samt-schwarzen, ineinander geflossenen Flecken durchzogen sind." (W. K r a u s). Der Augsburger Bär ist eigentlich im Ural- und Amurgebiet beheimatet, entdeckt wurde er aber bei Augsburg durch Johann Elias R i d i n g e r und von Rösel von R o s e n h o f im Jahre 1755 der wissenschaftlichen Welt bekannt gemacht.

In der Höhe von Siebenbrunn entspringt an der gleichen Terrasse, an der wir soeben stehen, in der Flutrinne ein Quellbach, der trotz der Lechkorrektion nicht zum Versiegen kam. Seine Ufer werden von einer hochinteressanten Pflanzengesellschaft gesäumt, in welcher dichte Polster des Quellsteinbrechs (Saxifraga aizoides) gedeihen. Bis vor wenigen Jahren konnte auch an der nämlichen Stelle der Kies - Steinbrech (Saxifraga mutata) sowie der Bastard zwischen den beiden Steinbrecharten (Saxifraga mutata x aizoides = S. hausmannii) vereinzelt beobachtet werden. In unmittelbarer Nachbarschaft wächst das alpine Kupfermoos (Orthothecium rufescens) und das arktisch-alpine Schwarzkopfmoos (Catoscopium nigritum) zusammen mit anderen alpinen Arten wie dem Dornigen Moosfarn (Selaginella selaginoides), dem Blaugras (Sesleria coerulea), der Mehlprimel (Primula farinosa), der Schneeheide (Erica carnea), dem Alpenmaßliebchen (Bellidiastrum michelii) und dem Schwalbenwurzenzian (Gentiana asclepiadea). Die genannten Arten sind versprengte Einzelposten ihres alpinen bzw. arktisch-alpinen Areales und daher ist der Quellbach bei Siebenbrunn ein besonders wertvoller Teil des Augsburger Naturschutzgebietes.

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