Siebentisch- und Haunstetter Wald


 
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Der jüngste und größte Schotterkegel des weichenden Lechgletschers kam südlich von Augsburg im Bereich des jetzigen Naturschutzgebietes „Siebentisch- und Haunstetter Wald" in der Nacheiszeit zur Ablagerung. Es scheint so, als ob der Lech in diesem Gebiet die ganze Eigenart eines Alpenflusses noch einmal zur vollen Entfaltung bringen sollte, ehe ihn in der Ebene der kraftvolle Schwung seiner alpinen Herkunft verließ - bevor der Mensch schließlich seinen ungezähmten Lauf in ein einziges schmales Bett zu zwingen begann. Denn ehedem verteilten sich seine Fluten in unzähligen Armen und Bächen über den ganzen Bereich des Haunstetter Waldes. Über der aufgewölbten Schotterfläche von Haunstetten lag das Erosionsniveau des Lechs verhältnismäßig hoch, so daß es immer wieder Bereiche gab, wo die Akkumulation die Erosion übertraf, was in öfterer Wiederholung den Fluß zum teilweise seitlichen Ausweichen und zum Aufspalten zwang.

Der Siebentischwald zeigt heute kaum noch Eigenheiten seines einstigen natürlichen Landschaftscharakters. Gleichwohl rundet er das Naturschutzgebiet „Stadtwald Augsburg" (Siebentisch und Haun-stetter Wald) zu einem größeren, zusammenhängenden Komplex ab. Es war also vom Standpunkt des Naturschutzes sehr erfreulich, daß die Grenzen des Naturschutzgebietes vor den Toren der Stadt Augsburg so weit gezogen wurden (laut Verordnung vom 12. 3. 1942). Freilich hätte die am West-rande des Siebentischwaldes gelegene, ehemalige „Dürrenastheide" mit einem Vorkommen des bei uns überaus seltenen Nadelröschen (Fumana procumbens) ebenfalls geschützt werden müssen. Zu jener Zeit aber, als sich bei uns der Naturschutzgedanke durchzusetzen begann, war dieses Heidegebiet durch Bebauung bereits weitgehend entwertet worden.

Der Siebentischwald, in seinem nördlichen Teile eine gepflegte Parklandschaft, an derem Rande Tennisplätze, der Botanische Garten und der Tierpark grenzen, geht gegen den Lech zu in einen halbwegs natürlichen Auwald über. Südlich sind die ehemaligen Kiefernmischwaldbestände durch oft recht eintönige Fichtenkulturen ersetzt worden. Von pflanzlichen Lebewesen haben sich in diesen Monokulturen da und dort nur noch Vertreter des Pilzreiches halten können; so gedeihen hier im Frühjahr mehrere Morchelarten, die in den benachbarten Auwäldern Bestandteile der natürlichen Vergesellschaftung sind. Doch auch unter den höheren Pflanzen ist uns stellenweise noch die eine oder andere Besonderheit erhalten geblieben. So berichtete E. N o w o t n y in jüngster Zeit über die Ausbreitung eines schon länger bekannten Bestandes des Frühlings-Gedenkemein (Omphalodes verna).

Mit dem Haunstetter Wald aber mag gerade die Älteren unter uns manch persönliches Erlebnis ganz besonders verbinden: Munter sprudelnde Wasserarme, gesäumt von den dichten Horsten der Großseggen und umgaukelt von stahlblauen Wasserjungfern - hochstämmige Kiefern, deren kupferroter Stamm in der untergehenden Abendsonne glänzt - der süße schwüle Duft eines Steinrösels an einem warmen Junitag - die bizarren Formen der Ragwurzarten und des Frauenschuhs - der Purpurflor der Pyramidenorchidee - tiefrote Gladiolenglocken im hüfthohen, feuchtkühlen Halmenwald des Pfeifengrases, während draußen die Sommerhitze über der Heide brütet - strahlend helle Kiesbänke, an denen die frischen Lechfluten vorbeieilen, bevölkert von lautschreienden Schwärmen von Wasservögeln. Es sind kostbare Erinnerungen, denn das Gekreisch der Lachseeschwalben und Lachmöwen ist heute verstummt. Kein Floß treibt mehr in gefährlich flotter Fahrt flußabwärts - der Fluß lebt nicht mehr, er ist Gefangener eines künstlichen Bettes.  

Der Gießerbach im Haunstetter Wald Ufereinbruch oberhalb des Sebastiansanstiches im Haunstetter Wald

Als im Jahre 1926 der „Stadtwald" durch eine ortspolizeiliche Vorschrift zum Banngebiet erklärt wurde, war jener verhängnisvolle menschliche Eingriff der Flußlaufkorrektion bereits vorgenommen worden, und als im Jahre 1942 die Umbenennung in ein Naturschutzgebiet erfolgte, waren die Folgen dieses Eingriffes nicht mehr zu verkennen. Die Korrektion, als Schutz gegen die manchmal katastrophalen Hochwasserüberflutungen geplant, brachte viele Schäden mit sich. So hatte sich der Grundwasserspiegel in Flußnähe um 2 bis 3 m, im Bereich des übrigen Stadtwaldes um 1 m gesenkt. Ehemalige Quellen versiegten und der jährliche Zuwachs der Bäume nahm deutlich ab. Am stärksten hatte der Auwaldstreifen in unmittelbarer Nähe des Flusses gelitten, aber auch aus dem übrigen Stadtwaldgebiet verschwand manch feuchtigkeitsliebende seltene Pflanze nach und nach, andere Arten wurden seltener. Doch würden diese Veränderungen nicht so stark ins Gewicht fallen, wenn nicht durch die Flußlaufkorrektion jene Dynamik unterbunden worden wäre, die Standorte bemerkenswerter Pflanzengesellschaften stetig neu schuf und alte, am Ende ihrer Entwicklung befindliche wieder zur Auflösung brachte. Der ewige Auf- und Abbau ist letztlich die Voraussetzung für die Erhaltung der alpinen Pionierschuttgesellschaften und der Schneeheidekiefernwälder, die nur unter extremen, die Konkurrenz anderer Arten ausschaltenden Bedingungen gedeihen können. Der Verlust der Dynamik eines ungestörten Flusses läßt aber nun die Sukzessionen, d. h. die gesetzmäßigen Reihenfolgen der Pflanzengesellschaften an einem Platze mit zunehmender Bodenentwicklung einem Endstadium zustreben, in dem schließlich die seltenen alpinen, kontinentalen und submediterranen Pflanzenarten der Konkurrenz anderer Gewächse unterliegen werden. Glücklicherweise ist aber bis dahin doch noch eine gute Weile Zeit und der heute angestrebte Naturschutz sucht von der ursprünglichen Schönheit und Reichhaltigkeit des Augsburger Stadtwaldgebietes so viel wie möglich zu erhalten.

Wenn wir uns davon selber überzeugen wollen, durchwandern wir am besten den Haunstetter Wald von Osten nach Westen auf einem der zahlreichen Geräumte. So biegen wir vom künstlichen Lech-damm, der in seiner jetzigen Form seit 1926 besteht, ins sogenannte "Kupferbichlgeräumt" ein, welches den Haunstetter Wald in der gewünschten Richtung schnurgerade durchzieht.

Der Gießerbach im Haunstetter Wald Ufereinbruch oberhalb des Sebastiansanstiches im Haunstetter Wald

 

Der Gießerbach im Haunstetter Wald
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